Zweisprachig aufwachsen

von Anke Wilde

Wer in seiner frühen Kindheit gleich zwei Sprachen erlernt, hat einen großen Vorteil. Denn Bilinguale tun sich später mit einer dritten und vierten Sprache längst nicht so schwer wie diejenigen, die nur in einem einzigen sprachlichen System groß geworden sind, versprechen Spracherwerbsforscher. Mal ganz abgesehen davon, dass sie in einer zum globalen Dorf gewordenen Welt eine natürliche Brücke zwischen beiden Kulturen bilden. Denn durch die Sprache erschließen sich auch die emotionalen und kulturellen Lebenswelten derer, die sie sprechen.

Mehr als ein Drittel der Kinder und Jugendlichen in Deutschland haben einen Migrationshintergrund, so das Statistische Bundesamt. Und das heißt, sie wachsen potenziell zweisprachig auf. Dabei unterscheidet die Wissenschaft grob zwischen zwei Gruppen von Bilingualen. In der einen sprechen die Eltern unterschiedliche Muttersprachen und geben sie an das Kind weiter, beispielsweise, wenn die Mutter Italienerin ist und der Vater Deutscher. In der zweiten Gruppe ist die Familiensprache eine andere als die Umgebungssprache. Das trifft beispielsweise auf Kinder aus türkischen Familien zu, die Deutsch als Zweitsprache erlernen.

Wie können Eltern ihre zweisprachigen Kinder unterstützen?

Grundsätzlich empfehlen die Spracherwerbsforscher vom Bielefelder Institut für frühkindliche Entwicklung den Eltern, jeweils in ihrer vertrautesten, meist also der Muttersprache mit dem Kind zu sprechen. Vertrauen und Nähe sind gerade in den ersten Jahren extrem wichtig für die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes. Unsicherheiten der Eltern mit einer fremden Sprache stören diese Verbindung nur.

Häufig wird dabei empfohlen, konsequent nach dem Prinzip “Eine Person, eine Sprache” zu verfahren. Im Alltag ist das allerdings oft nur begrenzt anwendbar. Dann spricht die Familie eben doch Deutsch, weil Opa Werner kein Arabisch versteht, oder die Erlebnisse des Tages werden am Abendbrottisch nur in einer Sprache ausgewertet, obwohl die Eltern zwei verschiedene Muttersprachen haben. Wichtig sei eine klare Struktur, so die Bielefelder Spracherwerbsforscher, damit das Kind gut zwischen beiden Sprachen zu unterscheiden lernt. Starke Mischungen beider Sprachen sollten also vermieden werden. Situationsabhängige Lösungen wie “Beim Kuscheln reden wir Türkisch und beim Einkaufen Deutsch” seien dafür sehr hilfreich.

Wenn die Umgebungssprache eine andere ist als die Familiensprache, beispielsweise bei zugewanderten Familien, dann sollten die Eltern dafür sorgen, dass das Kind so schnell wie möglich die Umgebungssprache erlernt. Denn spätestens in der Schule braucht das Kind eine gute Grundlage in der Zweitsprache. Das kann im Rahmen von Sprachförderprogrammen in Kindereinrichtungen geschehen, aber auch durch den gezielten Kontakt mit Muttersprachlern.

Ist das Elternhaus zweisprachig, dann ist eine zweisprachige Kindereinrichtung von großem Vorteil. Allerdings gibt es davon – gemessen an der hohen Zahl bilingualer Familien – in Deutschland noch recht wenige. Laut dem Verein für frühe Mehrsprachigkeit an Kindertageseinrichtungen und Schulen (FMKS) lag ihr Anteil im Jahr 2014 bei gerade mal zwei Prozent. Immerhin aber mit steigender Tendenz: Im Laufe von zehn Jahren nämlich hat sich ihr Anteil verdreifacht.

Sprachentwicklung bei zweisprachigen Kindern

Kinder, die mit zwei Sprachen aufwachsen, machen natürlich auch Fehler. Fehler machen aber auch ihre einsprachigen Altersgenossen, die die Regeln von Satzbau und Grammatik gerade erst lernen. Dass zweisprachige Kinder dabei bisweilen auf ihren anderen Wortschatz zurückgreifen, sei überhaupt kein Problem, meint die Pädagogin Antje Leist-Villis, die den “Elternratgeber Zweisprachigkeit” verfasst hat. Solche Mischungen zeugten vom kreativen Umgang der Kinder mit ihren beiden Sprachen und seien Teil ihrer Sprachentwicklung. Übertriebenes Verbessern dieser Fehler sei dabei wenig hilfreich – wichtig sei es letztlich, die individuelle Entwicklung eines jeden Kindes in den Blick zu nehmen.

Eltern müssen jedoch auch damit rechnen, dass ihre Kinder bisweilen in den Sprachstreik treten. Nach Leist-Villis Beobachtung weigerten sich die meisten Kinder in zweisprachigen Familien phasenweise, die Nichtumgebungssprache anzuwenden, also letztlich die Sprache des zugewanderten Elternteils. Ablehnende Äußerungen wie “Ich will deine doofe Sprache nicht sprechen” seien dabei nicht ungewöhnlich. Solche Proteste träten häufiger auf, wenn der jeweilige Elternteil seine eigene Sprache nur inkonsequent spricht. Bei der betroffenen Mutter oder dem Vater sorgt das freilich oft für Unzufriedenheit. Einen Trost zumindest gibt es: Selbst bei einem inkonsequenten Gebrauch der Nichtumgebungssprache hätten die meisten Kinder gute Kenntnisse in ihrer zweiten Sprache gewonnen.

 

Weiterführende Links:

Bielefelder Institut für frühkindliche Entwicklung – https://www.bielefelder-institut.de/fruehkindliche-zweisprachigkeit.html

Information – Fortbildung – Netzwerk zur frühkindlichen Zweisprachigkeit – http://www.zweisprachigkeit.net/

Verband binationaler Familien und Partnerschaften – http://www.verband-binationaler.de/

FMKS – frühe Mehrsprachigkeit an Kitas und Schulen – http://www.fmks-online.de/