Ohne Abi an die Uni

Computerkurs an der Universität mit StudentenImmer mehr Menschen nutzen die Chance, sich ohne schulische Hochschulzugangsberechtigung für ein Studium einzuschreiben. Laut dem Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) stieg die Zahl der Studienanfänger ohne Abitur zwischen 2009 und 2012 von etwa 6 300 auf einen Höchstwert von über 12 400. Dr. Petra König, Bereichsleiterin Innovation bei der IHK Berlin, gibt im Interview einen Überblick über Wege an die Uni ohne Abitur. Zu diesem Thema hält die Expertin am 23. Mai auch einen Vortrag auf der StudyWorld 2014 im Russischen Haus der Wissenschaft und Kultur in Berlin (14.30-15.15 Uhr, Raum 511). 

Ganz allgemein: Welche Möglichkeiten haben Menschen ohne Hochschulreife, um an deutschen Universitäten und Hochschulen zu studieren?

Im März 2009 hat die Kultusministerkonferenz den Hochschulzugang für beruflich Qualifizierte ohne schulische Hochschulzugangsberechtigung (Abitur oder Fachhochschulreife) beschlossen. Danach erhalten Inhaber beruflicher Aufstiegsfortbildungen (Meister, Techniker, Fachwirte und ähnliche Qualifikationen) einen allgemeinen Hochschulzugang.

Für beruflich Qualifizierte ohne Aufstiegsfortbildung werden Voraussetzungen formuliert, die ihnen einen fachgebundenen Hochschulzugang eröffnen. Diesen Beschluss haben inzwischen fast alle Bundesländer in ihren Hochschulgesetzen umgesetzt.

Wo können sich Interessierte über Angebote und Zulassungsvoraussetzungen für ein Studium ohne Hochschulreife informieren?

Der Hochschulzugang ist in den Hochschulgesetzen der Länder geregelt (zum Beispiel gilt für Berlin die allgemeine Regelung in §10 BerlHG, Hochschulzugang für beruflich Qualifizierte in §11 BerlHG.

Einen allgemeinen Überblick über die Regelungen in allen Bundesländern gibt das Online-Portal des gemeinnützigen Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) auf der Webseite „Studieren ohne Abitur“ .

Darüber hinaus bieten einige Hochschulen speziell für beruflich Qualifizierte hilfreiche Vorbereitungskurse für das Hochschulstudium an. Einen Überblick bietet häufig die örtliche IHK (für Berlin:  http://www.ihk-berlin.de/innovation/Praxistipps_Wissenstransfer/Praktikum_in_Berlin/2355370.html).

Sind die Zugangsvoraussetzungen an Fachhochschulen in der Regel leichter?

Hinsichtlich der formalen Zugangsvoraussetzungen differenziert die Empfehlung der Kultusministerkonferenz lediglich zwischen allgemeiner und fachgebundener Hochschulreife. Eine Differenzierung zwischen Universitäten und Fachhochschulen ist nicht vorgesehen.

Tatsächlich sind Fachhochschulen vermutlich wegen ihrer ausgeprägten Praxisorientierung besonders attraktiv für Studierende ohne schulische Hochschulzugangsberechtigung. Nach aktuellen Erhebungen des CHE („Studieren ohne Abitur: Stillstand oder Fortentwicklung, Eine Analyse der aktuellen Rahmenbedingungen und Daten, CHE Arbeitspapier Nr. 177, März 2014 weisen Fachhochschulen im Jahr 2012 einen Anteil von 3,28 Prozent Studienanfänger ohne schulische Hochschulzugangsberechtigung auf. Bei Universitäten sind es 2 Prozent.

Laut CHE nimmt die Zahl von Studienanfängern ohne Abitur in Deutschland zu. Was sind die Gründe?

Neben dem generellen Trend zur Akademisierung, der gegenwärtig zu beobachten ist, sind es vor allem die besseren Zulassungsbedingungen, die durch die inzwischen fast bundesweite Umsetzung des Beschlusses der Kultusministerkonferenz für Studierende ohne schulische Hochschulzugangsberechtigung geschaffen wurden.

Abgesehen von den formalen Voraussetzungen ist es ein bildungspolitisches Ziel die Durchlässigkeit der Bildungswege auch in der Realität zu gewährleisten. Daher bieten viele Hochschulen inzwischen besondere Beratungsleistungen und Vorbereitungskurse an, um Studierenden ohne schulischer Hochschulzugangsberechtigung den Einstieg ins Studium zu erleichtern.

Welche Studienfächer sind besonders beliebt und warum?

Laut Erhebung des CHE wird insbesondere die Fächergruppe der Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften von den Studierenden ohne Abitur mit knapp 45 Prozent besonders stark nachgefragt. Etwa 25 Prozent entscheidet sich für einen Studiengang aus dem Kanon der MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik).

Die Gründe für diese Studienwahl liegen vermutlich im Qualifikations- und Erfahrungshintergrund der Studierenden, die ja bereits eine Berufsausbildung abgeschlossen und Berufserfahrung gesammelt haben. Diese Qualifikationen möchten sie durch das Studium akademisch vertiefen und erweitern.

Welche Tipps geben Sie Menschen, die ohne Abitur ein Studium beginnen möchten?

Ich empfehle, die Beratungsangebote der Hochschulen in Anspruch zu nehmen und eine Teilnahme an den einschlägigen Vorbereitungskursen einzuplanen. Während die erworbenen Qualifikationen und Erfahrungen aus dem Beruf im Verlauf des Studiums sehr hilfreich sind, stellen die theoretischen Fächer, die häufig zu Studienbeginn vorgesehen sind, für die Gruppe der Studierenden ohne schulische Hochschulzugangsberechtigung in der Regel eine größere Hürde dar. Hier setzen die Vorbereitungskurse der Hochschulen an. Ein Besuch dieser Veranstaltungen erleichtert den Einstieg und hilft Frustrationen gleich zu Studienbeginn zu vermeiden.

Welche finanziellen Förderungsmöglichkeiten jenseits von BAföG gibt es für Studierende ohne Abitur? 

Fern- und Teilzeitstudienangebote werden von Studierenden mit beruflicher Qualifikation besonders stark nachgefragt. Dies legt nahe, dass häufig Studium und Berufstätigkeit verbunden werden und das Studium auf diesem Wege finanziert wird.

Unternehmen werden ein Studium ihrer Mitarbeiter in der Regel dann auch finanziell unterstützen, wenn durch akademische Weiterqualifizierung ein spezifischer Personalbedarf gedeckt wird. Für beruflich Qualifizierte mit Studienwunsch empfiehlt sich daher in jedem Fall ein Gespräch mit ihrem Arbeitgeber.

Stipendienprogramme, wie etwa das Deutschlandstipendium, stehen natürlich auch Studierenden ohne schulische Hochschulzugangsberechtigung offen.